RUBRIK: KOLUMNEN Haltet die Welt an! Es sind diese besonderen Wochen. Alles, was man im Alltag irgendwie stehenlassen kann, das läßt man stehen. Alle Gespräche führen binnen Minuten zum selben Thema. Und selbst Menschen, die vier Jahre lang nicht zu wissen scheinen, daß der Ball rund ist, erwischt man – spätestens nach dem Sommermärchen 2006 – mit schwarz-rot-goldenem Gesichts Make-Up. Es ist endlich so weit: Es ist wieder Fußball WM. Ja, diesmal findet sie in einem augenscheinlich ganz komischen Land statt. Ja, die merkwürdige Beschallung mit den Vuvuzuelas hat bereits beim Confed Cup nervenschwache Zuschauer um den Verstand gebracht. Und ja, von einem bilderbuchmäßigen Ablauf des Turniers wie 2006 kann man mit Sicherheit nicht ausgehen. Aber: Anders als bei legendären Turnieren wie Mexiko 1986 und USA 1994 finden die Spiele zu christlichen Zeiten statt und somit wird dem Hardcore Fan das komplette Verfolgen der Vorrunde auch ohne Augenringe ermöglicht. Feels like 1982 Und das Teilnehmerfeld läßt sowieso kaum Wünsche offen: Alle sieben Weltmeister konnten sich diesmal qualifizieren (sogar die Urus). Die namhaftesten Zuschauer dürften wohl die EM-Halbfinalisten Russland und Türkei sowie Afrika-Meister Ägypten sein. Ansonsten ist alles dabei, was internationalen Rang und Namen hat. Und gerade bei den Underdogs kommen bei mir nostalgische Erinnerungen an 1982 auf: Honduras, Neuseeland und Chile sind endlich mal wieder dabei. Und oh je, wie habe ich mich als Zehnjähriger persönlich beleidigt gefühlt, als Algerien die deutsche Truppe im ersten Gruppenspiel 2:1 besiegte! Ja, das war sie damals, meine erste bewußte Fußball-WM. 28 Jahre später muß mich mein Vater nicht mehr vorzeitig aus Opas Schrebergarten nach Hause fahren, um ja nicht den Anstoß von Deutschland gegen Chile zu versäumen: Jetzt kann man sich die Termine selber so legen, daß man keine Minute von Neuseeland gegen die Slowakei verpaßt. Aber das Fieber ist immer noch dasselbe… Was ist da los am Kap? Vier Wochen lang dreht sich alles um Fußball. Doch was ist da diesmal so anders als sonst? Die erste WM auf der Südhalbkugel seit 1978 scheint ja laut Fachleuten völlig anderen Gesetzen unterworfen. Mieses Wetter, Höhenunterschiede, marodierende Horden von Meuchelmördern? Lassen wir die Kirche im Dorf: Mieses Wetter sind unsere Profis allesamt gewöhnt, denn wenn auch Winter in Südafrika herrscht, hat der Sommer doch auf unserer Halbkugel noch längst nicht begonnen. Höhenunterschiede mögen ein Vorteil für ein eingespieltes Heimteam sein – die Qualifikationsspiele Boliviens sind hier immer wieder ein Streitpunkt – aber da sich keine Mannschaft konsequent in der Höhe vorbereiten konnte, sollten die Nachteile auch hier eher für alle gelten. Überhaupt wird sich der Heimvorteil für die afrikanischen Mannschaften eher in Grenzen halten: Warum sollten die Mannschaften aus Westafrika am Kap der guten Hoffnung mehr Fanunterstützung genießen als z.B. die irische Nationalmannschaft sie in Griechenland hätte? Auch von den klimatischen Bedingungen her muß man eher von Chancengleichheit ausgehen, da ein Großteil der afrikanischen Profis seine Brötchen in Europa verdient und entsprechend akklimatisiert sein sollte. Daß eine afrikanische Mannschaft also nun wie häufig propagiert bis ins Halbfinale einzieht, wird – auch angesichts der unsäglichen Querelen rund um die Teams von Nigeria, Kamerum oder die Elfenbeinküste – nur von Schiedsrichters Gnaden möglich sein. Analog Südkorea 2002, Italiener und Spanier erinnern sich schmerzhaft. Wir wollen hoffen, daß derart peinliche Sympathiebekundungen für die Lokalmatadoren bei diesem Turnier ausbleiben… Gruppe A Besondere Unterstützung der Herren in schwarz wird nämlich der Gastgeber benötigen. Die südafrikanische Bafana Bafana war zwar als Gruppenkopf gesetzt, erwischte aber bei der Auslosung so ziemlich die schwerste Vorrundengruppe, die möglich war: Frankreich statt Slowenien, Mexiko statt Honduras, Uruguay statt Chile. Ein Weiterkommen wäre in dieser Konstellation schon mit einem mittleren Fußballwunder gleichzusetzen, offenbarte die Truppe doch unlängst sogar gegen Nordkorea Probleme im Spiel nach vorne. Für den letzten Afrika Cup konnte man sich gar nicht erst qualifizieren. Einziger Lichtblick: Die drei Gruppengegner taten sich alle enorm schwer in der Qualifikation. Mexiko feuerte Startrainer Eriksson, Uruguay mußte in die Play-Offs gegen Costa Rica und Frankreich ist überhaupt nur wegen eines Handspiels von Thierry Henry gegen Irland dabei. Gerade die Franzosen erwiesen sich in der Vergangenheit als wahre Wundertüte: 2002 schied der damals amtierende Welt- und Europameister ohne ein einziges Törchen in der Vorrunde aus, 2006 führte der letzte Aufgallopp von Zinedine Zidane die Equipe Tricolore als Außenseiter bis ins Finale. Aber ohne Zidane und mit enormen Schwierigkeiten beim Toreschießen könnte für Frankreich diesmal wieder sehr bald Schluß sein – vor allem, wenn man das Auftaktspiel gegen die unbequemen Uruguayer nicht gewinnt. Die bauen vor allem auf Superstar Diego Forlan, der gerade quasi im Alleingang Athletico Madrid zum Europa-League Sieg schoß. Und darauf, daß ihr schlechter Ruf die roten Karten bei den Schiedsrichtern nicht lockerer hängen läßt. Doch was ist mit Mexiko? Bei den letzten WMs konnte die Vorrunde stets überstanden werden, und das ist auch diesmal das Mindestziel. Dies dürfte nur gelingen, wenn Gastgeber Südafrika im Eröffnungspiel düpiert wird…
Tipp: Weiter kommen Uruguay und Frankreich Gruppe B Argentinien hat alles, was man sich an genialen Spielern wünschen kann. Auf der Trainerposition allerdings ließ der Verband einen Mann ans Werk, den man getrost eher als Renegaten denn als Fußballlehrer bezeichnen muß. Diego Maradona ließ in Qualifikation und Vorbereitung kein Fettnäpfchen aus, benahm sich wie die Axt im Walde und mußte trotz des überragenden Spielermaterials lange um die WM-Teilnahme fürchten. Wenn er damit den Druck von der Mannschaft nimmt, mag man ihm dies als Masterplan auslegen: Wahrscheinlicher jedoch ist, daß der ehemalige Weltstar einfach nicht weiß, was er tut. Vielleicht tun dies jedoch seine Spieler, allen voran der überirdische Lionel Messi, dessen großer Stern nun auch bei diesem Weltturnier erleuchten soll. Spätestens im Halbfinale gegen Inter Mailand jedoch bewies die aktuelle Champions League Saison, daß auch dieser geniale Techniker nur mit Wasser kocht. Man kann ihn ausschalten – allerdings gibt es dann immer noch Topstürmer wie Real Madrids Higuain, Manchester Citys Carlos Tevez oder Inters Bayern-Killer Diego Milito, die in die Bresche springen können. Eine Menge Arbeit für zum Beispiel Otto Rehagels Griechen, die sich ja im Beton anrühren verstehen. Allerdings war schon deren destruktiver Auftritt bei der Euro 2008 an Peinlichkeit kaum zu überbieten, und die Verfechter des zelebrierten Anti-Fußballs sind seitdem noch einmal um zwei Jahre gealtert. Kaum anzunehmen, daß die Europameister von 2004 bei diesem Turnier eine große Rolle spielen werden. Der Platz hinter Argentinien wird wohl eher zwischen Nigeria und Südkorea ausgefochten. Beide Teams besitzen hervorragende Techniker, das Potential der Nigerianer scheint vor allem offensiv noch einen Tick besser zu sein. Schaffen es die Westafrikaner, endlich das Brimborium im Umfeld ruhen zu lassen, können sie die Vorrunde überstehen, zumal die Südkoreaner diesmal vermutlich weniger auf die lautstarke Unterstützung ihrer Fans bauen können. Allerdings wiegt der Ausfall von Teamleader Obi Mikel schwer.
Tipp: Weiter kommen Argentinien und Nigeria Gruppe C Der Ausgang in Gruppe C hängt entscheidend von einer einzigen Person ab: Wayne Rooney. Die englische Offensive ist vollkommen auf Rooneys Dynamik, Power und seine Tore angewiesen: Spielt der verletzungsanfällige und disziplinarisch herausgeforderte Stürmerstar die WM durch, ist für England vieles möglich. Fällt er jedoch einmal mehr aus, reduziert sich die Durchschlagkraft um ein vielfaches, wird aus einem Geheimfavoriten ein besseres Durchschnittsteam. Deutlich ist allerdings, daß durch Fabio Capello taktische Disziplin Einzug gehalten hat: England marschierte souverän durch die Qualifikation, die Zitterpartien der letzten Jahre gehörten der Vergangenheit an. Und so träumen sie auf der Insel mal wieder vom Titel. Die Vorrunde jedenfalls sollte kein größeres Problem darstellen. Zwar konnte die Konkurrenz aus Algerien und Slowenien in der Qualifikation namhafte Gegner ausschalten, beide Teams sind jedoch spielerisch zu eindimensional, um eine ernsthafte Gefahr darzustellen. Algerien bewies im Entscheidungsspiel gegen Ägypten zumindest echte Nervenstärke – nun sind die Nordafrikaner als einzige Vertreter der arabischen Welt sicherlich hochmotiviert, an die Erfolge von 1982 anzuknüpfen, als man nur aufgrund des Skandalspiels Deutschland-Österreich ausschied. Englands stärkster Gegner in dieser Gruppe dürften aber die USA sein, die zuletzt beim Confed Cup 2009 gezeigt haben, daß mit ihnen zu rechnen ist. Vor allem ihr Halbfinalsieg gegen Spanien – die einzige Niederlage des Europameisters in drei Jahren – sorgte für Aufsehen, und auch im Finale gegen Brasilien sahen die US-Boys lange gut aus. Schon im ersten Gruppenspiel treffen sie auf die Favoriten aus England, ein Spiel, dessen Ausgang den Verlauf der Gruppe entscheidend prägen wird.
Tipp: Weiter kommen England und die USA Gruppe D Zwar blieb den Deutschen das Losglück nicht ganz so treu wie es die Tradition verlangt, doch lösbar ist die Vorrundengruppe allemal. Auch ohne die verletzten Ballack, Rolfes, Westermann, Träsch und Adler sowie die ausgemusterten Frings und Kuranyi sollte die deutsche Truppe in der Lage sein, ihr Offensivspiel im Sinne der WM 2006 fortzusetzen. Großes Manko ist allerdings die internationale Unerfahrenheit der Truppe: Gerade im offensiven Mittelfeld tummeln sich mit Marin, Kroos, Müller und Chancentod Özil blutjunge Talente, deren Stündchen erst bei der WM in Brasilien 2014 schlagen dürfte. Mit jugendlichem Elan kann man sicherlich Gegner wie Ghana oder Australien schlagen – doch was ist, wenn später England, Argentinien oder Holland warten? Nicht immer hat man das Glück wie 2002, über Hürden wie Paraguay, die USA und Südkorea bis ins Finale zu humpeln. Das Viertelfinale ist allerdings auch diesmal ein realistisches Ziel, zumal während des Turniers Karteileichen wie Klose und Trochowski aus dem Team verschwinden werden, um den formstarken Cacau, Marin oder Müller Platz zu machen. Um Platz zwei in dieser Gruppe kämpfen wohl vor allem Serbien und Australien. Die Serben haben souverän eine sehr schwere Qualifikationsgruppe dominiert und stehen kompakt, sind aber auch technisch versiert. Australien konnte bei der letzten WM mit dem Einzug ins Achtelfinale überzeugen und dürfte ähnlich unbequem einzuschätzen sein, allerdings nicht so offensivstark. Außenseiter ist Ghana. Die Westafrikaner konnten zwar 2006 als einziges afrikanisches Land das Achtelfinale erreichen, leiden aber nun schwer unter dem Ausfall ihres Mittelfeldmotors Michael Essien. Die Leistungen in der Vorbereitung waren entsprechend bescheiden – Ghana könnte in diesem Jahr zum schlechtesten Vertreter des schwarzen Kontinents avancieren.
Tipp: Weiter kommen Deutschland und Serbien Gruppe E Wieder einmal mit großen Erwartungen reisen die Oranje Kicker aus Holland an. Ihre Qualifikationsgruppe dominierten sie nach Belieben, was angesichts von Gegnern wie Norwegen und Schottland auch nicht ganz so schwierig war. Aber auch in der Vorbereitung auf das Turnier zeigten sich die Mannen von Bert van Marwijck spielfreudig. Und was ist das auch wieder für eine großartige Offensive: van der Vaart, Sneijder, Huntelaar, Kuiyt, Babel und van Persie spielen alle bei europäischen Topclubs, da läßt es sich ganz locker mal auf einen Ruud van Nistelrooy verzichten. Die Verletzung von Arjen Robben, dessen Einsatz bei der WM noch nicht klar ist, läßt einen Schatten auf die orangenen Titelträume fallen. Und traditionell ist die Defensive der Niederlande nicht halb so stark einzuschätzen wie die Abteilung Attacke. Dennoch ist das Achtelfinale fast schon ein Muß, da weder Kamerun noch Japan defensiv stark genug stehen, um der geballten Sturmkraft Paroli bieten zu können. Kamerun versucht seit Jahren, an den Husarenritt von 1990 anzuknüpfen, als Roger Milla und die unbezähmbaren Löwen die Welt verzauberten und erst im Viertelfinale gegen England unglücklich Schluß war. Doch die aktuelle Truppe zerfleischt sich lieber gegenseitig, Topstar Samuel Etoo drohte gar seinen Rückzug aus der Nationalelf an, weil die graue Eminenz Milla es gewagt hatte, seine Leistungen im Nationaldress zu kritisieren. Und der japanische Fußball tritt seit der WM im eigenen Land auf der Stelle. Insbesondere Torgefahr geht von den Mannen um Shunsuke Nakamura kaum aus. Da werden sich die Holländer wohl hauptsächlich mit den Dänen um den Gruppensieg streiten. Dänemark schaltete nicht nur den ewigen Rivalen Schweden aus, sondern ließ in seiner Gruppe auch die Portugiesen hinter sich. Aus einer kompakten Defensive heraus versucht eine Sturmreihe, die in dieser Konstellation schon seit gefühlten Ewigkeiten zusammenspielt (Tomasson, Jörgensen, Rommedahl, Grönkjaer), den Gegner auszukontern. Das einzig neue Element in der dänischen Offensive ist Niclas Bendtner von Arsenal London. Dem zwickte es aber zuletzt in der Leiste. Gegen die Außenseiter aus Kamerun und Japan sollte es dennoch reichen.
Tipp: Weiter kommen Holland und Dänemark Gruppe F Es ist wohl die denkbar leichteste Vorrundengruppe, die Titelverteidiger Italien da erwischt hat: Einzig Paraguay scheint mit seiner namhaften Offensive eine Bedrohung zu sein, die Chancen der Slowaken und Neuseeländer sind eher gering. Italien um den zurückgekehrten Weltmeistercoach Marcello Lippi kann es recht sein: Der Kader ist im Umbruch, aber die Mischung aus jung und alt könnte sich im Verlauf des Turniers finden und hat in dieser lösbaren Gruppe die Möglichkeit, sich gemächlich einspielen. Rechnen muß man mit der Squadra Azzura immer, spätestens im Viertelfinale könnte es allerdings vorbei sein, wenn die starken Gegner aus den Gruppen G und H drohen. Und im ersten Gruppenspiel muß ja erst mal Paraguay besiegt werden. Die Südamerikaner würden gerne mit dem Gerücht aufräumen, daß von ihrem Kontinent nur Argentinien und Brasilien bei einer WM über das Achtelfinale hinaus vorrücken können. Und die Zeichen stehen auf Sturm: War Paraguay in den 90ern noch für seinen legendären Abwehrriegel vor Torwart Chilavert berüchtigt, sind es heute die Angreifer, die international für Furore sorgen: Roque Santa Cruz und Nelson Valdez stürmen für Paraguay, und zudem hat man noch kurz vor Meldeschluß den Dortmunder Lucas Barrios eingebürgert, dessen ausgeprägter Torriecher bei einem so großen Turnier von unschätzbarem Wert sein könnte. Für die Slowaken, für die als einziger Turnierneuling schon die bloße Teilnahme ein Erfolg ist, dürfte nach der Vorrunde Schluß sein, zumal Kapitän Miroslav Karhan ausfällt. Und wer die Auftritte von Neuseeland beim Confed Cup in Erinnerung hat, dem schwant, was den Kiwis nun bei der Weltmeisterschaft blüht. Auch für sie ist die erste Qualifikation seit 1982 ein Riesenerfolg. Sie dürften allerdings eines der schwächsten Teams der 32 Teilnehmer sein.
Tipp: Weiter kommen Italien und Paraguay Gruppe G Auch bei diesem Turnier gibt es sie wieder: Die Todesgruppe. Das hat nichts mit nordkoreanischen Raketen zu tun, sondern mit der Tatsache, daß mit Brasilien, Portugal und der Elfenbeinküste drei der vermeintlich stärksten Teams ihres jeweiligen Kontinents aufeinander treffen. Doch man muß die Kirche im Dorf lassen: Die Ivorer treten mit einem angeschlagenen Didier Drogba an und haben gerade erst einen neuen Coach an Bord geholt, um das Schlachtenglück zu wenden – beim Afrikacup war überraschend früh Schluß gewesen. Die Voraussetzungen für einen großen Wurf sind schlecht. Dazu sind die Portugiesen und Brasilianer wohl auch zu stark – gerade die Mannen um Cristiano Ronaldo haben nach einem katastrophalen Einstieg in die WM Qualifikation gerade noch rechtzeitig den Schalter umgelegt und überzeugten mit einer heißen Aufholjagd und einer abgebrühten Leistung in den Playoffs gegen Bosnien. Bei den Brasilianern haben einige alte Zöpfe ausgedient – zu Recht, betrachtet man den pomadigen Auftritt von 2006, der damals viele Sympathien kostete – wodurch die aktuelle Spielstärke des fünffachen Weltmeisters schwer einzuordnen ist. Mit Kaka oder Luis Fabiano sind Ausnahmekönner mit dabei, denen bei gutem Verlauf alles zuzutrauen ist. Aber auch sie müssen erst einmal den nordkoreanischen Abwehrriegel knacken. Überhaupt könnte es in dieser Runde darauf ankommen, wem es am besten gelingt, den asiatischen Beton zu durchbrechen: Nordkorea ist zum Fußball verhindern angereist – und Robinho, Ronaldo und Drogba werden es nicht leicht haben, hier zu brillieren.
Tipp: Weiter kommen Brasilien und Portugal Gruppe H Die Leistung der spanischen Nationalmannschaft in den letzten Jahren spricht für sich: Der Nimbus des ewigen Verlierers wurde bei der EM endgültig abgelegt, und trotz Trainerwechsel ging es danach fast unverändert geradlinig weiter – nur beim Confed Cup wurde gegen die USA gepatzt, wodurch man sich ein spannendes Aufeinandertreffen mit Brasilien ersparte. Die Qualifikationsgruppe mit EM Halbfinalist Türkei und den starken Bosniern wurde nach Belieben dominiert – am Ende steht nun die Favoritenrolle beim Turnier in Südafrika. Sind diese Spanier der nächste Weltmeister? Dagegen spricht einzig und allein die hohe Belastung der Topspieler, die fast ausnahmslos bei Spitzenclubs spielen und entsprechend viele Spiele in den Knochen haben. Entsprechend sind Fernando Torres, Fabregas oder Iniesta noch angeschlagen. Hier könnte die Spritzigkeit fehlen – doch auch der zweite Anzug ist mehr als solide. Spanien trifft bei normalem Verlauf allerdings im Achtelfinale bereits auf ein Topteam aus der Todesgruppe G – durch dieses Nadelöhr müssen die Iberer durch, um sich zum ersten Mal den Weltcup zu holen. Die Vorrunde scheint fast wie eine Aufwärmübung: Die Schweiz und Chile dürften sich um den zweiten Platz streiten, Honduras ist krasser Außenseiter. Für die Mannen von Ottmar Hitzfeld geht es darum, den verkorksten Auftritt bei der EM im eigenen Land vergessen zu machen. Doch die Chilenen ließen in der Südamerika Qualifikation unter anderem Argentinien hinter sich und sind vor allem offensiv stärker einzuschätzen als die Eidgenossen, die zudem mit einigen sehr alten Haudegen antreten müssen – Huggel, Alex Frei oder Ludovic Magnin haben ihre besten Jahre schon hinter sich, was sich daran zeigt, daß sie nach erfolgreichen Bundesliga Jahren nun in die beschaulichere Schweizer Liga zurückgekehrt sind. Vorteil für Chile ist dabei auch, daß sie im ersten Spiel gegen Honduras vorlegen können, die Schweizer aber gleich auf Spanien treffen. Da wird sich Trainerfuchs Hitzfeld etwas einfallen lassen müssen…
Tipp: Weiter kommen Spanien und Chile Prognose kaum möglich Den weiteren Verlauf des Turniers zu prognostizieren, ist einem Lotteriespiel gleichzusetzen. Zu viele Unwägbarkeiten nehmen in einer Playoff Runde Einfluß auf den Spielausgang – nach Favoriten gefragt, nennen eh alle Experten die gleichen Namen: Spanien oder Brasilien sind sehr stark, England und Holland die ewigen Geheimfavoriten, mit Italien und Deutschland ist immer zu rechnen. Etwas abseits stehen Frankreich und Argentinien, doch beide gehören zu den fünf Mannschaften, die die WM Endspiele seit 1982 exklusiv unter sich ausgetragen haben. Und so ist es fast zu vermuten bzw. zu befürchten, daß am Ende wieder die üblichen Verdächtigen Brasilien, Argentinien, Italien, Frankreich oder eben Deutschland im Finale stehen. Zöge Topfavorit Spanien tatsächlich ins Endspiel ein, wäre dies so gesehen schon eine Sensation. Der große Durchbruch für ein afrikanisches Team ist dagegen nicht zu erwarten. Zu beträchtlichen Querelen im Umfeld der Verbände kommen gravierende Ausfälle von Leistungsträgern hinzu (Essien, Obi Mikel, evt. Drogba). Wer wird also am Ende den Pokal in den Himmel strecken? Am 11. Juli haben wir Gewissheit. Rüdiger Kipferl, 12.06.2010 |